Wohl die wenigsten von uns schliefen in dieser Nacht, die wir auf dem Olsoer Campingplatz verbrachten, ruhig. Viele Gedanken über die nächsten Tage und Stunden geisterten durch unsere Köpfe und keiner war es sich gewiß, welches Abenteuer uns bevorstand. Früh am Morgen bauten wir die Kohte ab, verabschiedeten uns von den Nürnberger und Bayreuther Pfadfindern und fuhren mit dem Bus zum Hauptbahnhof. Als wir in der Bergen-Bahn Richtung Finse saßen, bestaunten wir nur noch die atemberaubende Schönheit Norwegens. Auf der ungefähr 330km langen Strecke durchquerten wir mehr als 150 Tunnels und überfuhren mehr als 250 Brücken. Sich auf dieses Abenteuer auf den Gleisen einzulassen, war für jeden von uns ein einprägsames Erlebnis. Alle Facetten der südnorwegischen Landschaft zogen an unseren Fenstern vorbei und gerne hätten wir den Zug verlassen, um in die Weite des Landes einzutauchen. Doch dies blieb uns bis Finse verwehrt. Als wir den höchsten Bahnhofs Europas (1222m) am späten Nachmittag erreichten, freuten wir uns auf die nächsten 6 Wandertage in dem herrlichen Gebiet. Beim Verlassen des Zuges wurde unser Tatendrang schnell von der eisigen Kälte gebremst. Bei 8°C mitten im Hochsommer ist es uns nun vollkommen klar, warum eins Polarforscher Amundsen und Scott ihre Ausrüstung hier getestet haben. Nun standen wir irgendwo auf einem gottverlassenen Bahnhof bei eisiger Kälte. Zu unserem Glück fing es auch gleich an zu Schneien. Angesichts dieser menschenfeindlichen Bedingungen verschlug es uns sogleich in das warme Bahnhofswartezimmer, daß uns auch ein wenig Schutz versprach.
Nun galt es ein geeignetes Nachtlager zu finden - Während zwei Späher zur Erkundung auszogen, wachten die anderen Rover auf unser Fahrtengepäck. Enttäuscht von der norwegischen Gastfreundschaft kehrten die Ausgesandten zu ihrer Gruppe zurück. Mittlerweile war sich die Roverrunde im Klaren, daß aufrund der fehlenden Ausrüstung eine Wandertour im hochalpinen Gebiet Norwegens nicht zu bewerkstelligen ist. Schnell wurde über eine andere Lösung nachgedachtu nd auch sogleich gefunden. Die Nacht verbrachten wir im warmen Bahnhofswarteraum, während draußen bei Minusgraden der Sturm pfiff und das Schneetreiben kein Ende nehmen wollte.
Die Befürchtung in der Nacht von dem Bahnhofswärter unsanft geweckt zu werden und die ungewohnten Nordlichter liesen uns nicht zur gewünschten Ruhe kommen. Doch früh am Morgen brachen wir unser Nachtlager ab und nahmen den ersten Zug in Richtung Myrdal. Von Myrdal wollten wir entlang der Flamdalen bis auf das 3m über dem Meeresspiegel gelegene Auerland wandern. In Myrdal weckten die ersten Sonnenstrahlen usnere Begeisterung an der nun folgenden Wanderung. Wir überquerten unzählige Brücken, bestaunten die klaren Gebirgsbäche, die sich ihren Weg durch da schroffe Granit bahnen. Links und rechts stürzen riesige zu Wasserfällen geworderne Wassermassen aus dem Gletschergebiet herunter und eröffneten unsere Gruppe ein imposantes Spektakel. Auf der Hälfte des Abstiegs von 1092m herab legten wir eine verdiente Rast ein. Unser Koch Markus H. machte sich sogleich auf die Wassersuche undkamn nach wenigen Minuten aufgeregt zurück, da er einen mysteriösen alen Höhleneingang in das Bergmassiv gefunden hatte. Schnell war die Begeisterung, eine Höhlenerkundung zu unternehmen auf die restlichen Jungs übergesprungen. Ausgerüstet mit einem Seil und Lampe betraten wir die dunkle Öffnung. Die Erkundung brachte die Erkenntnis, daß der Tunnel ein alter Versorgungsschacht der Bahnarbeiter aus dem vorherigen Jahrhundert ist. Nach der interessanten Exkursion in das Bergmassiv rasteten wir kurz an eineM Wasserfall. Nun wanderten wir tiefer in das Tal hinein, daß uns desöfteren an Bildern der Kanadischen landschaft erinnert .Am frühen Nachmittag entdeckte Michael einen geeigneten Platz für unsere Mittagspause. So lag die Wiese idylisch gelegen an einem Wildbach, der für das Kochen unerläßlich war.
Nach dem üppigen Mittagessen war Erik mit dem Abwasch an der Reihe. Doch die Wassermassen spülten nicht nur die restilchen Speisereste weg, sondern rissen auch den gesamten Topf mit sich. Nun mußte schnell gehandelt werden. Erik stürmte, nachdem er sich seiner Hose und seiner Schuhe entledigt hatte, in den reisenden Bach und stellte den Ausreiser dingfest. Den Vorschlag von Markus Z. an diesem reizvollen Platz das Nachtlager aufzuschlagen, wurde weitgehend abgelehnt. So wanderten wir bis in den späten Abend, vorbei an verlassenen Ortschaften, Schluchten und Geröllfeldern. Mit frohen Liedern auf den Lippen verlief auch diese Zeit, trotz des langen Weges, wie im Fluge...
Als es dämmerte, erreichten wir die malerische Ortschaft Flam. Das Jedermannsrecht in den Skandinavischen Ländern konnten wir uns nun auch erklären ... Überall, wo eine Möglichkeit des Übernachtens lockte, war das Betreten durch Zäune verwehrt. Auch außerhalb der Ortsschaft war es aufgrund der steilen Abhänge nicht möglich einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Etwas entmutigt schleifen wir dennoch auf dem Campingplatz schnell ein. Tief & fest schlummerten wir in die Morgenstunden hinein. Nach dem Frühstück frischten wir unser Essensvorrat wieder auf und wanderten frohen Mutes nach Auerland. Nun bemerkten auch wir, daß Flam ein reiner Touristenort ist. Nicht nur, daß hunderte von Menschen von hier aus eine Schiffsrundreise wagten, sondern, daß wir auch häufig von knipsenden Urlaubern umlagert waren, brachte uns die Erkenntnis, daß Pfadfinder in Nrowegen eine Seltenheit sind und damit eine Sehenswürdigkeit darstellen. Unser Freund FubU erwähnte „Jungs, ich glaube nächstes Jahr können wir uns auf einer Postkarte bewundern" - Ob dies stimmt, werden wir nicht nachprüfen können. Unsere Mittagsrast legten wir an dem schönen Auerlandsfjord ein und genossen die herrliche Mittagssonne. Hinteru ns erblickten wir immer noch die Gletscher, von denen wir einst aufbrachen. In einer Bucht vor uns erspähten auch einige den kleinen Fischerort Auerland. Gestärkt ereichten wir nach einem Marsch unser Tagesziel.
Ein netter Schiffahrtskapitän nahm uns mit zurück nach Flam, wo wir mit der legendären Flambahn die 1089 Höhenmeter erklimmen wollten. Doch es sollte anders kommen ... Auf der Fahrt machte Michael den Vorschlag doch aufgrund ders päten Stunde auf dem halben Wege wieder den Zug zu verlassen und den Lagerplatz „St. Louis" vom Vortag für das Nachtlager aufzusuchen. So standen wir auf dem idyylischen Fleck, der uns bereits am Vortag eingeladen hatte. Einige wollten sofort die Kohte aufbauen - die Schottlandfahrer Erik & Michael winkten aus den Midgeserfahrungen des Vorjahres ab. So wurde zuerst zu Abend gegenssen. Wenige Minuten später wurde unsere Roverunde Camelot von einer Horder wilder kleiner blutrünstiger Bestien angegriffen. Koch Markus schrie: „Los, beeilt Euch -Packt zusammen!!! Ich will WEG!!!!" Mit Tunfischdose und Apriköschen in der Hand ergriffen wir blitzartig die Flucht. Es sah schon chaotisch aus.
In Panik geradene Rover rannten wie vom Teufel Besessen zum kleinen Bahnhofshäuschen. Auch die Schottlandfahrer warenvon den Mücken überascht. Denn sie dachten, wenn sie die Midges überlebt haben, überlben sie auch die nrowegischen Kampfmücken. So wurde eine verschworene Gemeinschaft wieder einmal von Killerinsekten an den Rand des Wahnsinns getrieben. Nachdem die Roverrunde sich wieder beruhigte, konnte nun endlich über eine neues Nachtlager nachgedacht werden. Zum einen konnte man in dem dreckigen Bahnhofschupen übernachten oder sich einen geeigneten Schlafplatz an der nächsten Station, die sich ebenfalls in der Wildnis befindet, suchen.
Wir entschlossen uns für die im Nachhinein bessere Variante und gelangten zur Station Berkevam. Zu unserer Verunderung war der Warteraum wieder einmal geöffnet und lud uns zum Verweilen ein. An einem Tisch konnten wir unser mahl ohne die lästigen Mücken, die bereits böse an den Fenstern zu uns hineinblickten, beenden. Erschöpft schlüpfte mancher von uns in sein Schlafsack, während die anderen Chroniken schrieben oder durch Geschichten erzählen in fremde Welten eintauchten.
Ein leztter Blick nach draußen stimmte uns sicher, daß hier in der gottverlassenen Einöde bis zum Morgenanbruch kein Mensch sich verirren würde. Doch weit gefehlt - Gegen 2 Uhr Nachts schreckten einige von uns auf - Schlaftrunken linste Markus Z. aus den Fenstern und sah, wie Bahnarbeiter an den Gleisen schufteten. „FuBu, schließ schnell die Tür auf!!" In diesem Moment knarrte es an der Eingangstür unseres Knusperhäusschens. Viele Gedanken kreisten in unseren Köpfen herum - Werden wir von einem Bahnarbeiter herausgejagt, obwohl wir eigentlich nur auf den nächsten Zug am frühen Morgen warteten. Die Tür öffnete sich und ein bärtiger Mann kam ohne zu erahnen, welche Gäste sich in diesem Knusperhäusschen aufhalten, hinein. Er stolperte über zum Glück nicht über FuBu, der direkt an der Tür sich schlafend stellte und schloß erschrocken die Tür. „Ist er weg???" flüsterte Erik den anderen zu. Markus Z. spähte aus dem Fenster und meinte, daß der Unbekannte wieder zuirück in den Stellwagen gegangen ist. Unser Koch bemerkte von alledem nichts. Er bemerkte auch nicht, daß in der Zeit von 2 - 4 Uhr ständig Stellwagen geschäftig vorüberfuhren. Unser Späher Markus Z. berichtete, wie ein Reporter über das nächtliche Treiben vor unserem Knusperhäuschen. Am nächsten Morgen räkelten sich die 5 müden Jungen und erzählten sich am Frühstückstisch die Geschichten der Nacht. Markus H. konnte den ganzen rubel vor der Hütte nicht verstehen, zumal die Flambahn lediglich eine eingleisige Zugstrecke im Niemandsland ist. Nach einem heißen Kaffee konnte die Fahrt Richtung Bergen fortgesetzt werden. Über Myrdal und Voss gelanten wir gegen 15:00 Uhr in die Hansestadt Bergen, welche uns durch Reiseführer und Erzählungen Norwegenreisender als heimliche Hauptstadt Norwegens angeprießen wurde. Dort angekommen rief Michael bei norwegischen Pfadfindern an, um einen Schlafplatz in deren Pfadfinderzentrum zu organisieren, da ein Gruppenmitglieder erkrankte.
Währenddessen versuchten FuBu und Erik einen Schlafplatz in einer Jugendherberge zu organisieren. Michael konnte die Meldung machen, dass wir in einer Stunde nach einem zweiten Anruf, einen Schlafplatz bekommen würden. Doch auch der zweite Anruf vertörstete uns wider für zwei Stunden. Währenddessen hatte Erik den gewünschten Erfolg. So warteten wir bis 6:00 Uhr am Bahnhof und erfuhren von den norwegischen Pfadfidnern, daß leider kein Platz mehr im Zentrum frei ist. Also gingen wir wieder auf Erkundung durch das lebendige Bergen. Wir führten mehrere Gespräche in vielen Büros von Herbergen und keiner schien mehr als 5 Betten frei zu haben. Die schöne alte Fischerstadt mit ihrem eigenen Flair schien von Touristen aus den Nähten zu platzen. In einer Jugendherberge, die zuvor Interrailer beherbergte, wurden wir fündig und konten für satte 25 DM pro Nacht ein Bett bekommen. Wir stellten uns unter einer Jugendherberge ein max. 15 Personenzimmer vor, in dem wir ungestört und in Ruhe Kraft auftanken konnten.
Doch weit gefehlt. Wir erhileten einen Schlüssel für das blaue Zimmer - Ein Blick in das blaue Zimmer verschlug uns den Atem. 97 Betten waren in einem ehemaligen Turnraum aufgestellt. Vom Nachbarhaus konnten wir das Klavierspiel einer noch ungeübten Schülerin lauschen. Etwas zerknirscht verstauten wir unsere Rucksäcke auf den Betten und erkundeten für einen Abend Bergen. Gegen 24:00 Uhr schliechen wir uns lesie in das Zimmer - Das Klaiver war mittlerweile verstummt. Dafür konnte man dsas Schnarchen ganz Europas hören - Zwischen 2:00 Uhr - 4:00 Uhr kamen vereinzelt lärmende Gäste in den Saal, die sich ungeachteten der Schlafenden „lautstark" unterhielten. Nach dieser Torotur brachen wir sehr früh am Morgen auf, um diesen für uns schrecklichen Ort u verlassen. Die Stimmung war aufgrund der miserablen Schlafstätte auf dem Tiefstpunkt. Bergen war für uns nach dieser Nacht uninteresant. Daher fuhren wir auch mit dem ersten Zug die 470km lange Strecke wieder zurück nach Oslo.
(Michael Hartmann)






